Teil 1: 7 Dinge, die ich unbedingt über Diplom- und Masterarbeiten wissen sollte (keine Ausnahmen)
Was ist überhaupt der Sinn einer Diplomarbeit?
Die Diplomarbeit ist eine angeleitete Forschungsarbeit. Ihre Durchführung erfolgt im Rahmen der forschungsgeleiteten Lehre. Das heißt, dass der didaktische Charakter (man lässt dich arbeiten damit du lernst) erstmals zweitrangig wird gegenüber dem Forschungscharakter (man lässt dich arbeiten damit du hoffentlich Ergebniserhältst). Ziel ist es den Nachweis zu erbringen, dass du eine gegebene Fragestellung selbständig im Sinne der
wissenschaftlichen Methode bearbeiten kannst.
Die Diplomarbeit wird nach positiver Beurteilung veröffentlicht (Ausnahme:
Sperrung) und muss daher auch den Bestimmungen des Urheberrechts genügen.
Was gilt es bei der Wahl des Themas zu beachten?
- Du wählst nicht nur ein Thema, sondern auch eine Forschungsgruppe, mit der du zusammenarbeiten wirst. Wenn dir ein Thema gefällt, schau dir auch die Instituts-Homepage, insbesondere die Projekte der jeweiligen Gruppe an. Vielleicht findest du dort etwas, was dich noch mehr interessiert.
- Das gewählte Thema kann erheblichen Einfluss auf deine spätere Berufslaufbahn haben (muss es aber nicht). Was du im Zuge deiner Diplomarbeit gemacht hast, qualifiziert dich unter Umständen für gewisse Firmen, oder die Wahl eines Dissertationsthemas.
Mit wievielen Semestern muss ich rechnen? Darf es auch kürzer oder länger dauern?
Universitätsgesetz 2002, §81, Absatz 2; Aktuelle Fassung BGBl. I Nr. 74/2006:
„Die Aufgabenstellung der Diplom- oder Masterarbeit ist so zu wählen, dass für eine Studierende oder einen Studierenden die Bearbeitung innerhalb von sechs Monaten möglich und zumutbar ist.“
Gemeint sind hierbei 6 Monate Vollzeitarbeit, abzüglich Urlaub. Diese Interpretation deckt sich auch mit der Wertigkeit der Diplomarbeit in ECTS und deren Umrechnung in Arbeitsstunden:
Dieser Zeitrahmen ist deutlich großzügiger als 1 Semester, dieses hat nur 14 Wochen * 40 h = 560 h.
Die tatsächliche Dauer hängt also wesentlich davon ab, wie viele Stunden pro Woche du deiner Diplomarbeit wirklich widmest. Außerdem gilt es für eine durchschnittlich begabte Studierende / einen durchschnittlich begabten Studierenden. Selbstverständlich steht es dir (in Absprache mit dem Institut) auch frei, den Arbeitsaufwand über einen längeren oder kürzeren Zeitraum als 6 Monate zu verteilen. Zeiträume länger als ein Jahr werden von den Fakultäten allerdings nicht toleriert.
Problematisch in diesem Zusammenhang ist, wenn du mit deiner Arbeit abhängig bist von der Verfügbarkeit von Messgeräten oder von der Arbeit von anderen Personen. Kläre solche Abhängigkeiten sobald du sie erkennst mit deiner Betreuerin / deinem Betreuer und vereinbare auch einen „Plan B“ (Risikomanagement). Weder soll die Qualität deiner Arbeit darunter leiden, noch darf das Risiko alleine auf dich abgewälzt werden und du beim Abschluss deines Studiums behindert wirst.
Aussagen einzelner Professorinnen / Professoren "Bei mir dauert eine Diplomarbeit mindestens X" sind also eindeutig gesetzeswidrig, falls X ungleich 6 Monate. Bitte setze deine Fachschaft darüber in Kenntnis.
Wie funktioniert die Betreuung?
Formal können nur Professorinnen / Professoren und Dozentinnen / Dozenten (auch emeritiert / pensioniert) eine Diplomarbeit betreuen. Damit ist in der Praxis hauptsächlich Qualitätskontrolle in wissenschaftlicher und formaler Hinsicht gemeint. Das, was man gemeinhin unter Betreuung versteht, wird in den allermeisten Fällen von Assistenten / Assistentinnen gemacht. Sie schreiben die Diplomarbeitsthemen aus, sorgen dafür, dass du einen Arbeitsplatz bekommst, beurteilen auch den praktischen Teil deiner Arbeit.
Interessen der Professorinnen und Professoren: Sie wünschen,
- dass in der Arbeitsgruppe auf hohem inhaltlichem u. wissenschaftlichen Niveau gearbeitet wird
- dass in ihren Forschungsgruppen eine gewisse Anzahl an Diplomarbeiten durchgeführt wird
- dass die Betreuung durch die Assistentinnen u. Assistenten funktioniert
- dass der Forschungsbetrieb durch die Betreuungsarbeit unterstützt wird
Interessen der betreuenden Assistentinnen und Assistenten: Sie wünschen,
- dass deine Diplomarbeit sich möglichst gut in ihre eigene Forschungsarbeit einfügt
- dass du möglichst selbständig arbeitest und verlässlich innerhalb der definierten Zeit Ergebnisse lieferst
- dass sich die Betreuung deiner Arbeit für sie rechnet: Was sie an Zeit in dich investieren versus was sie von dir an Forschungsleistung bekommen
- dass die fähigsten und motiviertesten Diplomandinnen und Diplomanden in ihrem Projekt arbeiten
Deine Interessen: Du willst vermutlich
- ein spannendes und interessantes Thema
- Einführung in die wissenschafliche Arbeit und Praxis
- welches du in absehbarer Zeit abschließen kannst
- wenig Risiko (dass unvorhergesehene Probleme sich nicht negativ auf Dauer oder Note auswirken)
Diese Interessenslage ist durchaus geeignet dir eine gute Basis für einen erfolgreichen Abschluss zu sein. Achte aber:
- dass man dich nicht ausnützt
- dass ausschließlich die Qualität der Diplomarbeit benotet wird und diese keinesfalls durch besonders intensive Mitarbeit im Forschungsprojekt aufgewogen werden kann
- dass du eventuell benötigte Ressourcen und Betreuung gegebenenfalls auch einforderst
- dass du Änderungen im Zeitplan regelmäßig kommunizierst (die Assistentinnen und Assistenten könnten eigene Abhängigkeiten auf deine Ergebnisse haben)
- dass Probleme und Konflikte innerhalb der Forschungsgruppe nicht auf deinem Rücken ausgetragen werden (schließlich schreiben die Assistentinnen und Assistenten oft selbst an ihrer Dissertation)
Wie lange muss / darf eine Diplomarbeit sein?
Ein Richtwert ist 70 Seiten (12'' Schrift, Zeilenabstand 1,2, inklusive Deckblatt und Verzeichnissen, exklusive Anhänge). Die Vorstellungen der Forschungsgruppen können davon erheblich abweichen, zwischen 50 und 150 Seiten, das liegt in ihrem Ermessen und hängt auch von den Gepflogenheiten in der jeweiligen Disziplin ab. Sollten Forderungen deines Betreuers / deiner Betreuerin den hier gesetzten Rahmen signifikant überschreiten, bitte setzte deine Fachschaft davon in Kenntnis.
Frühzeitig schreiben vs. alles in letzter Minute?
Viele Diplomanden und Diplomandinnen schreiben den gesamten Text und alle Bilder innerhalb von ca. 6 Wochen (auch kürzer) nach Abschluss des praktischen Teils. Das heißt allerdings nicht, dass diese Vorgangsweise vorteilhaft oder erstrebenswert ist. Insbesondere die folgende Kapitel machen Sinn schon frühzeitig geschrieben zu werden:
- State of the Art und Related Work: Im Sinne des Risiko-Managements ist es sowieso unumgänglich an den Anfang der Arbeit eine Literaturrecherche zu stellen. Schreib die gefundenen Papers und Bücher penibel mit. Besser - schreib gleich das ganze Kapitel. Wenn du sie nicht mitschreibst, dann hast du bis zum Zusammenschreiben alles vergessen und darfst die Arbeit doppelt machen.
- Abstract: Manche Leute raten möglichst früh ein Abstract zu schreiben. Es wird sich zwar bis zum Ende der Arbeit noch mehrmals ändern, es zwingt dich allerdings darüber nachzudenken, was und worüber du schreiben willst und verhindert damit ein Verzetteln in unverwertbaren Detailfragen.
Alleine arbeiten oder mit Kollegen am Institut?
Wie du am besten arbeitest, weißt du letztendlich natürlich selbst am besten. An dieser Stelle trotzdem eine Warnung: Monate lang im leeren Raum vor sich hin zu arbeiten birgt das Risiko, dass deine Arbeit den Vorstellungen des Instituts schlussendlich nicht genügt. Schließlich ist es deine erste Diplomarbeit und sich Verlaufen kann jedem passieren. Regelmäßige Treffen mit der betreuenden Assistentin / dem betreuenden Assistenten und die Teilnahme an einem Diplomarbeitsseminar sichern dich in dieser Hinsicht ab. Tausche dich regelmäßig mit Kolleginnen und Kollegen aus, die gerade mit der Diplomarbeit fertig werden, bzw. hilf den unerfahrenen Kolleginnen und Kollegen, die gerade am Anfang stehen. Der Austausch hilft dir auch abzuschätzen wo du mit deiner Arbeit gerade stehst und ob du am richtigen Weg bist.